Eine Hetzjagd und ein charmanter Guerrillero

Im Dorf El Alberto, kann man die Flucht in die USA üben - ganz legal und höchst realistisch.

Im Dorf El Alberto, kann man die Flucht in die USA üben - ganz legal und höchst realistisch.

Der mit Abstand anstrengendste Dreh findet dann am Abend statt: Die Dörfler von El Alberto haben am Ortsrand eine Art Abenteuer-Parcours errichtet, ein Zusatz-Angebot für Wochenend-Ausflügler, denen das Spaßbad zu langweilig ist. Es ist der Nachbau der amerikanischen Grenze, durch die die Touristen sich nachts von den Einwohnern hetzen lassen können. In El Alberto kann man die Flucht in die USA üben. Die Männer von El Alberto agieren dabei als „Coyotes“, wie die Fluchthelfer genannt werden, alle tragen ihrer Rolle entsprechend schwarze Strumpfmasken, um nicht so leicht gesehen zu werden.


Als nach gelungener „Flucht“ alle noch beisammen sitzen, fällt mir auf, dass keiner der „Coyotes“ die Strumpfmaske abnimmt – trotz der Hitze. Mit einem von ihnen unterhalten wir uns fast eine Stunde lang. Ein sehr gebildeter, charismatischer Mann, der seinen gebannt lauschenden Zuhörern vom mexikanischen Animismus erzählt und auch Freudsche Theorien zitieren kann. Dass dieser Mann kein einfacher Bauer aus dem Dorf sein kann, ist sofort klar. Wir sollen ihn „Pancho“ nennen – angelehnt an den berühmt-berüchtigten mexikanischen Banditen und Freiheitskämpfer Pancho Villa. „Pancho“ erzählt mir von der Armut und der Unterdrückung der Minderheiten im Land, von der Macht der Freiheit und wie die inszenierte „Flucht“ die Menschen sich ihrer eigenen Kraft bewußt werden lässt. „Ihr könnt alles, wenn ihr nur wollt. Seid stark, habt Mitgefühl, befreit Eure Herzen und Hirne – und Euch selbst!“ hat er den Touristen immer wieder mit auf den „Fluchtweg“ gegeben.

Er erzählt mir, dass er diesen Job in El Alberto macht, weil er auf diese Weise anonym etwas Geld verdienen kann – deshalb könne er auch die Strumpfmaske nicht abnehmen. Dann zeigt er mir noch diverse Narben von früheren Schußverletzungen. Mich beschleicht der Verdacht, dass ich hier mit einem Guerrillero spreche, der sehr geschickt seine Rolle im Abenteuerspiel für die Rekrutierung neuer Kämpfer nutzt.

Er jedenfalls findet es spannend, dem deutschen Fernseh-Team etwas aus seinem Leben zu erzählen. Am Ende gibt er uns noch seine Handy-Nummer und verabschiedet uns mit den Worten, wenn wir auf der Heimfahrt überfallen würden, sollten wir ihn ruhig anrufen, er würde das dann regeln. Zum Glück müssen wir seine Dienste dann doch nicht in Anspruch nehmen.

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